/First Step/
Brief an den Therapeuten.

Lieber Herr S.,
ich möchte mich Ihnen gerade so gerne mitteilen. Ihnen sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Was mich nachts nicht schlafen und tags nicht klar denken lässt. Ich war bei meiner Mutter. Und ich habe etwas sehr gravierendes festgestellt: Das ist nicht mehr mein Zuhause.
G. Meine Wohngruppe. Die Menschen dort. Das ist mein Zuhause geworden. Home is, where your heart is.
Ich habe mein Herz in G. verloren. Ich habe es bei einer Andrea verloren, bei einer Franzi. Und sogar bei Ihnen.
Ich fühle mich hier verstanden, Herr S. Ich fühle mich hier verstanden, aufgehoben und sicher. Und diese Zeilen zu schreiben treibt mir bitterliche Tränen in die Augen. Weil es sich so unfassbar anfühlt. Und so wahr. Und weil ich all die Sehnsucht in mir aufsteigen spüre. Die, die dort jahrelang in meinem Seelenkäfig geschlummert & gewartet hat. Auf ein Zuhause. Und ich spüre die Sehnsucht, die da immer noch in mir lauert. Die mich daran erinnert, wie lange und wie viel ich schon gesucht habe. Und wie wenig ich bisher gefunden habe. Von Liebe.
Ich möchte nicht sagen, dass ich sie noch nie gefühlt, empfunden und/oder gespürt habe. Aber es war nicht genug. Es war nicht so viel andauernde und konstante Liebe, das sie das Loch hätte füllen können, das sich in meiner Kindheit in meine Seele gefressen hat.
Und Herr S., ich möchte nun endlich anfangen. Ich möchte anfangen anzukommen. Mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen.
Ich möchte mich einlassen & fallen lassen können. Und ich möchte wissen, dass ich gefangen und gehalten werden kann.
Ich möchte so gerne aufhören diesen Schein zu wahren. Ich habe keine Lust mehr auf Tabuthemen. Ich möchte nichts beschönigen, nichts herunterspielen, nichts verschweigen. Ich möchte mich Ihnen zeigen. Von meiner schönsten, aber auch von meiner dunkelsten Seite. Und ich möchte aufhören, mich zu schämen. Für mich. Für meine Vergangenheit. Für das, was mir angetan wurde.
Ich muss mir endlich darüber im Klaren werden, dass die Schuld für all diese Dinge nicht bei mir liegt. Dass ich nur ein Opfer war. Dass ich ein Opfer meiner selbst & das meiner geisteskranken Familie war.
Ich weiß, dass sie immer sehr viel Verständnis haben. Aber, ich möchte nun, dass sie Verständnis für mich haben.
Ich möchte aufhören darüber zu philosophieren und spekulieren, warum diese oder jene Person sich so oder so verhalten hat.
Denn: es geht um mich. Es wird Zeit für ein bisschen gesunden Egoismus. Ich möchte reden, erzählen, schweigen, schreien, lachen, weinen. Ich möchte nicht, dass sie alles erfahren. Und vielleicht wird es auch nicht besser, wenn ich das alles losgeworden bin. Ich werde auch höchstwahrscheinlich dadurch kein besserer Mensch. Aber ich möchte dieses Gefühlschaos aus dem Schrank lassen. Ich möchte die Tür öffnen & alles herausstürzen lassen. Denn ich glaube, dass ich es nur so sortieren kann. Nur so habe ich die Möglichkeit diesen Scherbenhaufen als Ganzes zu sehen.
Und nur so kann ich dieses Puzzle zu einem stimmigen, zwar zerstörten, aber passenden Bild zusammensetzen.
Nur so kann ich Eins werden. Mit mir & der Welt.
Und dafür... dafür muss es um mich gehen. Um das, was mir passiert ist. Um das, wie ich mich gefühlt habe. Ich, Herr S. ICH.
Ich will keine Erklärungen für die Taten anderer suchen.
Ich werde diese Art der Perversion vermutlich begreifen, aber nie nie nie nachempfinden können. Alles was ich tun kann, muss und hoffentlich werde ist es mich selbst zu empfinden.
26.7.11 11:28


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]